Einleitung


Systematik einer Streckenwanderung:   Einleitung


1.1. Zustand von Bahnstrecken, aktuelle Situation. 
 
Zur Vorbereitung einer weiteren Reihe von Streckenwanderungen beobachte ich seit mehreren Jahren das französische Streckennetz aus der Ferne. Durch die mehrjährige Recherche über den Status vieler Eisenbahnlinien kenne ich meine "Kandidaten" für eine zukünftige Streckenwanderung oft bereits im Voraus. Die Einstellung einer Strecke, also eine Aufgabe des Verkehrs kündigt sich oft über mehrere Jahre, ist also absehbar. Die Zahl der Fahrten werden immer weitere Reduziert. Manche Strecken haben nur noch den berüchtigten Alibi-Verkehr, das heißt zwei oder drei Zugfahrten je Richtung, verteilt auf morgens,-, mittags,- und abends. Die Errungenschaft eine festen Taktfahrplan wie wir ihn aus Deutschland oder der Schweiz kennen sind in Frankreich nicht weit verbreitet. Dieses sehr geringe Grundangebot wird zwar oft durch bahneigene Busse der SNCF ergänzt (die dem Zug dadurch sogar noch zusätzlich Konkurrenz machen), aber das Grundangebot bleibt wenig attraktiv. Als Folgen nutzen immer weniger Menschen die verbliebenen Zugverbindungen. Diese geringe Nachfrage führt zu weiteren Angebotskürzungen und zur weiter reduzierten Wartung und Instandhaltung. In der Folge werden die Geschwindigkeiten der Züge gesenkt da der desolate Oberbau nicht mehr voll belastbar ist. Instandsetzungsarbeiten setzten sich über viele Jahre hinweg nur aus dem Austausch einzelner Holzschwellen zusammen. Kleinere Arbeiten, die typische Flickschusterei. Gelder für Komplettsanierungen sind oft nicht vorhanden und wer will schon Millionenbeträge rechtfertigen für Strecken mit oft nur wenigen hundert Fahrgästen am Tag. Der entscheidende Schritt in Richtung Aufgabe des Zugverkehrs kann oft um mehrere Jahre hinausgezögert werden wenn sich Politiker und Bürger gegen eine Einstellung "Ihrer" Strecke stellen. Oft sind damit die Stilllegungen jedoch nur aufgeschoben. Wenn die SNCF sich zum beispielsweise gegen Ende eines Jahres von 8 Strecken trennen will und mit dieser Forderung in die Verhandlungen einsteigt, dann ist es ähnlich wie bei Tarifverhandlungen. Es werden Kompromisse gefunden und hier und dort können dann mit Beschwichtigungen, Notfallarbeiten oder ähnlichem einige Stilllegungen um ein weiteres Jahr abgewendet werden. Vielleicht werden zwei Strecken vollständig saniert, doch das Geld fehlt dann an anderer Stelle. Das Geld reicht vorne und hinten nicht. Der angesprochene minimale Unterhalt der Infrastruktur rächt sich dann: Mehrere Strecken müssen in den Vergangenen Jahren aufgegeben werden, weil der Zugverkehr nicht mehr sicher gewährleistet werden konnte. Es wird dann davon gesprochen das der Zugverkehr "ausgesetzt" oder "pausiert" sein.


Fazit: Der Zustand des französischen Nebenbahnnetzes ist in vielen Bereichen desolat und die Tendenz zeigt immer in eine Richtung: Das Schienennetz wird kleiner. Um auch aus der Ferne über den Status der kleinen Linien informiert zu sein gibt es verschiedene Möglichkeiten dies vom heimischen Computer aus in Erfahrung zu bringen. Das Internet hat hier viele Möglichkeiten eröffnet über Länder,- und Sprachgrenzen hinweg bei der aktuellen Entwicklung am Ball zu bleiben.




1.2. Spurensuche

 
Dank digitaler Medien kann die Sichtung von Luftbildern heute an jedem Computer erfolgen. Zur Unterstützung der Bilder können eigene Netzwerke über die vorhandenen Luftbilder gezeichnet werden. Die besondere Herausforderung beim Nachzeichnen von Bahnstrecken liegt keinesfalls in den bestehenden Strecken. Zwar ist es wichtig auch die aktuellen in Betrieb befindlichen Strecken im Auge zu behalten, um über neue Stilllegungen informiert zu sein, aber auch das bereits in den vergangenen Jahrzehnten entfernte Schienennetz hat einen großen Anteil an der Geschichte der Eisenbahn insgesamt. Wir erinnern uns, ein großer der Bahnlinien wurden bereits in den 50er Jahren aufgegeben. Das ehemals knapp 20.000 Kilometer umfassende französische Schmalspurnetz war bereits zum Beginn der 50er Jahre fast nicht mehr existent. Stellen sie sich vor sie würde dies zu Fuß ablaufen. 20.000km! Darin sind die aufgegebenen Regelspurstrecken der Spurweite 1435mm noch gar nicht enthalten.

Auf den heutigen Luftbildern die Bahntrassen aufzustöbern die vor 60 oder 70 Jahren stillgelegt wurden ist eine komplizierte Aufgabe. Wälder entstehen, Industriegebiete werden gebaut, Städte wachsen, Talsperren werden errichtet und oft werden die Spuren der Eisenbahn einfach weggespült. Es gibt tausende von Gründen die das Auffinden alter Bahntrassen immens erschweren. Viele Strecken sind heute komplett vom Erdboden getilgt. Dämme wurden abgetragen, Einschnitte zugeschüttet, Brücken abgerissen und Tunnel verfüllt. Dazu kommen neue Grundstücksverhältnisse, Weidezäune, Naturkatastrophen und vieles mehr. Es bedarf eines guten Auges um in einer scheinbar unbedeutenden Baumreihe einen ehemaligen Bahndamm zu erkennen. Dabei ist die Lernkurve sehr hoch: Eisenbahnlinien winden sich oft in immer gleichen Kurvenradien durch die Landschaft. Unter Anwendung alter Straßenkarten z.B. aus den 1930er Jahren kann sehr hilfreich sein. Doch bevor man sich im Aktionismus blindlinks ins Feld stürzt ist es unabdingbar sich das Aufmaß er Arbeit einmal Bildlicht und Form von Grafiken vor Augen zu führen: Karten müssen her!

Für Nordfrankreich gibt es glücklicher Weise bereits einen guten Schienenatlas vom Verlag www.schweers-wall.de. Die Ausgabe für Südfrankreich verspätet sich seit Jahren. Erscheinungstermin ungewiss. Zukunftsfähiger ist da die Möglichkeit eine digitale Karte zu erstellen. Diese soll das aktuell bestehende und das vergangene Schienennetz beinhalten.



2. Potenzielle Streckenwanderungen: Verschiedene Netzwerke und Streckengruppen

2.1. Museumsbahnen, Strecken mit Touristenverkehr

 
Viele Vereine und Museen könnten sich durch privates Engagement aktiv an der Sicherung von Bahnstrecken beteiligen. Man kann diese Vereine kontaktieren und sich nach einer Vereinbarung erkundigen, ob es möglich ist eine Strecke für private, nicht kommerzielle Zwecke abzulaufen. Die meisten Vereine haben ihre Fahrten auf die Sommermonate gelegt. Im Frühjahr finden nur sehr wenige Fahrten statt. Ein Anreiz für die Vereine einem solchen Besuch zuzustimmen kann die positive Resonanz auf eine schöne Bilderserie sein. Schon manch ein aufwendig dokumentierter Streckenverlauf bescherte einer Museumsbahn zusätzliche Fahrgäste. Wenn auch diese Reportagen in einer kleinen Nische von Interessierten Personen bleiben, so tragen sie doch Überregional zum Bekanntheitsgrad einer Strecke oder eines Vereins bei. Zusätzlich kann man den Vereinen das entstandene Bildermaterial überlassen. Zum Beispiel für Flyer, Werbeanzeigen oder zum aufhübschen der Vereinseigenen Internetseite.
Fazit: Aufmerksamkeit kann jeder Verein gut gebrauchen. Beide Seiten können davon profitieren.


2.2. Ein großes Streckennetz ohne Personenverkehr: Das Güternetz der SNCF

 
Bedenken wir aber auch die andere mögliche Systematik einer Streckenstilllegung: Ein großer Teil der Bahnlinien verliert erst seinen Personenverkehr, darauffolgend den Güterverkehr und wird anschließend Stillgelegt. So war es Jahre lang üblich. Doch diese Entwicklung kann sich zeitlich sehr in die Länge ziehen. Bereits Ende der dreißiger Jahre gab es eine große Stilllegungswelle im Personenverkehr. Die neu gegründete Staatsbahn SNCF übernahm die großen privaten Gesellschaften. Es kam zu einer Verstaatlichung. Um den Kostendruck zu senken, der die privaten Firmen ins straucheln gebracht hatte, entschied die neugegründete SNCF auf einem Teil des Netzes mit knapp 10.000 Streckenkilometern den Personenverkehr einzustellen. Der Verkehr war hier nicht mehr profitabel zu führen und könnte nur immer schwerer durch profitable Hauptstrecken aufgefangen werden. Durch diese Maßnahme entstand ein großes Gewebe an kleinen Linien die nur noch dem Güterverkehr dienten. Der überwiegende Teil waren kleine ländliche Linien. Jetzt, fast 80 Jahre später gibt es immer noch einige dieser Strecken mit einem sehr bescheidenen Güterverkehr. Viele Strecken sind zu verlängerten Gleisanschlüssen gekommen, Investitionen waren rar. Modernisierungen erfolgten selten. Meist sind die Bahnhöfe unbesetzt, Handweichen prägen das Bild. Schienen können bereits ein Alter von 100 Jahren erreichen. Nur hin und wieder rückt eine Lokomotive aus um ein paar Wagen zu einem Getreidesilo zu fahren. Oft rechtfertigt ein einziger Güterkunde den Fortbestand einer solchen Strecke. Doch auch diese Strecken sterben langsam aber stetig aus.
Da keine Personenzüge mehr fahren spielen diese Strecken in der Bevölkerung eine eher untergeordnete Rolle. Selten wissen die Anwohner über den aktuellen Status dieser Strecken Bescheid. Zu sporadisch ist der Verkehr. Über eine Einstellung des Güterverkehrs würde man im Internet oder lokalen Zeitungen nur sehr wenig erfahren. Oftmals ist der Werdegang dieser Strecken ein langsamer fast unbemerkter Sterbeweg: Der Güterverkehr wird immer weiter zusammengestrichen, Züge verkehren oft nur noch zu gewissen Stoßzeiten, in einer bestimmten Saison und auch nur bei Bedarf. Oft mag es ein einzelner verbliebener Gleisanschluß oder ein Getreidesilo sein das bedient wird. Für solche Fahrten gibt es keinen langfristigen Fahrplan. Züge werden kurzfristig eingelegt. Es kommt vor, dass diese Strecken jahrelang für einen potenziellen Betrieb vorgehalten werden, aber defacto ohne Verkehr sind. Wird dann der Streckenunterhalt eingestellt, verkrauten die Strecken langsam, werden schließlich unbefahrbar und schließlich wegen der nötig gewordenen Investitionen dann doch stillgelegt. Zum Datum der Stilllegung sind nun oft bereits mehrere Jahre seit dem letzten Zug vergangen. Die Streckenstilllegung erfolgt also zu einem Zeitpunkt, an dem die Schienen bereits für eine Streckenbegehung zu stark zugewachsen sind. Diesem Hindernis gilt es zuvor zu kommen. Als Folge bleibt nur, alle ländlichen Strecken die Ausschließlich für Güterzüge genutzt werden regelmäßig durch Luftbilder oder Internetsuche - oder wer kann vor Ort - auf Ihren Zustand hin zu überprüfen. Ein wichtiges Hilfsmittel hierzu sind die Luftbilder von Google Earth.

 
2.3. Das Nebenbahnnetz / Nur Personenverkehr
 
 Auf großen Teilen des Nebenbahnnetztes existiert schon heute kein Güterverkehr mehr. Der Personenverkehr mit seinen wenigen Fahrten ist oft der einzige Schienenverkehr im ländlichen Raum. Endet der Personenverkehr bedeutet dies das Ende der Strecke, da es keine anderen Züge auf diesen Linien gibt. Der Güterverkehr in der heutigen Zeit spielt sich hauptsächlich auf den großen Fernstrecken ab. Das Nebenbahnnetz ist hiervon abgehängt worden. Aus diesem "Pool" an Strecken entstehen jedes Jahr neue Möglichkeiten für Streckenwanderungen. Es sind diese kleinen Strecken von denen viele durch mangelnde Wartung und Wertschätzung jedes Jahr erneut zur Disposition stehen. Oftmals kündigt sich hier eine Stilllegung bereits on den örtlichen Zeitungen an. Ein paar Jahre kann das schlimmste abgewendet werden, aber irgendwann ist Schluß: Lapeyrouse - Volvic, Eygurande-Merliens - Montlucon, Thiers - Boen, Oyonnax - Saint-Claude, Quillan - Limoux, Rodez - Severac, Épinal-Saint-Dié, Saint-Yriex-la-Perche - Objat, Angouleme - Saillat-sur-Vienne: Die Liste der Beispiele ist lang.  
(Aus dieser Gruppe ziehe ich zur Zeit die meisten meiner Projekte)
 



2.4. Stillgelegte Strecken. Von Anfang an bis heute.

Unter diesen Bereich fällt ein sehr großes Spektrum an Strecken. Die Zustände und Verfassung dieser Strecken könnte unterschiedlicher nicht sein. Selbst bei Regelspurstrecken finden sich Beispiele für Eisenbahnstrecken die bereits in den Jahren 1940 und 1941 stillgelegt wurden. Seitdem verging kein Jahr in dem diese Klasse der Strecken keinen Zuwachs bekam.



2.5. Ohne Verkehr aber nicht stillgelegt

Bahnstrecken werde nicht nur in solche die im Betrieb sind und solche die stillgelegt sind eingeteilt. Es gibt noch eine Zwischengruppe: Strecken ohne Verkehr. Wird eine Bahnstrecke stillgelegt, so ist dies ein formeller bürokratischer Akt der bestimmten Regeln folgen muss. Erst nach einem solchen durchlaufenen Prozess kann die Bahninfrastruktur entfernt werden und z.B. die Grundstücke veräußert werden. In den letzten Jahren gab es jedoch eine Reihe von Strecken auf denen der Verkehr nur ausgesetzt wurde. Damit endet für die SNCF die Pflicht sich um die Strecke zu kümmern, das heißt es werden keine Unterhaltungsarbeiten mehr ausgeführt. Trotzdem bleiben die Grundstücke weiterhin in Besitz der Bahn. Eine Verwertung der Grundstücke findet nicht statt. Der Status solche Eisenbahnstrecken bleibt damit ungewiss. Dies bietet Chancen für eine Wiedereröffnung. Der Grund für eine Beendigung des Verkehrs ist jedoch der mangelnde Bedarf oder eine nötige Sanierung. Beides wird durch eine Verkehrsunterbrechung nicht verbessert. Im Gegenteil: Zeigt die Bahn kein Interesse mehr an Ihren Liegenschaften so tun dies andere: Diebstähle von Kabeln und Schienen sind dabei nur ein Teil. Oft wandern auch schnell die Weidezäune über die Grundstücke und der Bahndamm wird den nahegelegenen Grundstücken unrechtmäßig einverleibt.

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